Pferde gehören nicht in den Rosenmontagszug

Pferde gehören nicht in den Rosenmontagszug

Update April 2018

2016 haben wir vom Netzwerk für Tiere Köln mit der TiK (Tierrechtsinitiative Köln) und der Initiative Rheinvegan e.V. einen Bürgerantrag bei der Stadt Köln gestellt und auf das Leid der Tiere beim „Rosenmontagszooch“ in Köln hingewiesen.

Wie David gegen Goliath kämpft man gegen alte, überholte Traditionen und sehr einflussreiche Karnevalsgesellschaften. Es wird behauptet, dass sich Reiterstaffeln komplett auflösen müssten und „es war ja auch immer schon so, dass Tiere in Karnevalszügen mitgegangen sind- das gehöre zum Brauchtum“.

 

 

Auch verdienen die Verleihställe ganz gut daran und immer, wo einzelne monetäre Interessen im Spiel sind, ist man überfälligen Veränderungen nicht sehr aufgeschlossen.

2017 filmten, fotografierten und dokumentierten wir den Kölner Rosenmontagszug und den Bonner Zug (und einige Veedelszüge).

Wir waren selber sehr erschrocken und traurig über das Material, das wir dabei zusammengetragen haben. Man sah stark schwitzende Pferde schon bei der Aufstellung zum Zug, falsch gezäumte Tiere, Tiere, die geschlagen wurden wenn sie scheuten, Reiter, die ganz offensichtlich überfordert waren, eine mutmaßlich trächtige Stute, ein kleines weißes Pony (der Publikumsliebling) welches einsam eine Kutsche zog (für das Herdentier Pferd ist wenigstens ein weiteres Pferd an der Seite eine Beruhigung), Pferde, die auf dem Asphalt wegrutschten (mehrere Stunden über Asphalt zu gehen ist an sich schon eine enorme Belastung für die Gelenke der Tiere) und am Zugende waren beinahe alle Tiere nassgeschwitzt und wirkten extrem erschöpft – einige taumelten sogar.

Die Teilnahme der Pferde am Karnevalszug ist ein klarer Verstoß gegen Paragraf 3 des Tierschutzgesetzes, wonach Tieren keine Leistungen abverlangt werden dürfen, denen sie offensichtlich nicht gewachsen sind und die ihre Kräfte übersteigen. In vielen Fällen gab es Hinweise auf eine Sedierung der Pferde (die verboten ist, u.a. weil eine Sedierung in einer akuten Panik zu einer paradoxen – also noch heftiger ausfallenden Reaktion führen kann und beim Nachlassen der Sedierung die Pferde noch panischer reagieren können und man durch die Anwendung von Betäubungsmitteln einmal mehr zeigt, dass die Tiere dem Stress und der Belastung nicht gewachsen sind).

Das Veterinärsamt steht jedes Jahr vor der Mammutaufgabe, stichprobenartig die 500 Pferde des Karnevalszuges auf Sedierungen zu testen – in 2015 testete man 6 Tiere – davon waren 3 positiv – in 2017 gab es keine positiven Proben (bei 6 Testungen) – hier war man aber auch vorgewarnt, dass wir nachfragen würden. Trotzdem dokumentierten wir Pferde, denen im größten Trubel der Kopf absank, deren Schlauch ( Glied ) heraushing und bei denen die Augen halb geschlossen waren, während um sie herum der Karneval stattfand in seinem bunten Treiben. Bei einem Fluchttier sind solche Vorkommnisse nur zu beobachten, wenn das Tier vorher künstlich ruhiggestellt wurde.

In 2018 gingen 390 Pferde mit, es wurden 50 Pferde getestet und eines davon war positiv.

Die Reiter lernen die Pferde oft erst am Tag des Zuges kennen- d.h. es gab keine Chance, dass das Pferd ein Vertrauensverhältnis aufbauen konnte. In 2018 wurden die Anforderungen verschärft- man muss als Reiter einen FN Basispass vorweisen und mindestens 35 Pflichtreitstunden absolviert haben. Auch für die Pferde gelten neue Regelungen: jedes Pferd muss ein so genanntes Gelassenheitstraining absolvieren vor der Teilnahme. Dabei werden die Pferde u.a. durch ein Flatterbandgitter geführt, müssen über eine Plastikplane gehen und bekommen einen großen Ball an die Beine gerollt…. Weder Reiter noch Pferd sind durch diese Maßnahmen ausreichend auf die Situation in einem Karnevalsumzug vorbereitet. Mit den neuen Regelungen versucht man, die Stimmen aus der Bevölkerung zu beruhigen, denn nach den Unfällen 2017 in Köln und in Bonn und dem Unfall in 2018 in Köln sprachen sich in verschiedenen Umfragen über 67 % der Befragten GEGEN eine Teilnahme der Pferde im Zug aus. Und auch die angeblich stark verschärften Regeln haben den schlimmen Unfall mit der Kutsche in 2018 nicht verhindern können. ( In Köln brach 2017 Querida, eine ältere Stute direkt vor den Augen der Jecken zusammen und sorgte für eine „Zugpause“ von über 30 Minuten und in Bonn rannten 2017 zwei Friesen in parkende Autos und verletzten sich, in 2018 gingen zwei „erfahrene“ Kutschpferde durch und rannten in eine Tribüne- dabei überrollten sie Zugteilnehmer und verletzten insgesamt 4 Personen. Wäre die Tribüne eine Menschenmenge gewesen, wäre der Personenschaden um ein Vielfaches schlimmer ausgefallen. )

Ein Pferd hat ein wesentlich sensibleres Gehör als wir Menschen. Teilweise haben wir bis zu 112 Dezibel gemessen – Menschen hielten sich die Ohren zu und gingen weg, den Pferden ist diese Möglichkeit verwehrt. In Köln werden die Pferde im Zug mit einer Kanone mit Konfetti beschossen, die vor ihnen gezogen wird – in Bonn gehen die Tiere sogar hinter einer Kanone her, die einen Schuss mit lautem Knall abgibt. Wir beobachteten Kinder, die sich erschreckten und zu weinen begannen und auch Erwachsene zuckten erschrocken zusammen. Wie muss es für ein Fluchttier sein?

Für die Pferde beginnt der Tag sehr früh – gegen 04-05 Uhr morgens werden sie geputzt, gestriegelt und größtenteils auch schon gesattelt und gezäumt. So werden sie bis zu 100 km im Hänger zum Aufstellplatz transportiert. Nach Abladen stehen die Pferde noch bis Zugbeginn rum. Der Zug beginnt meistens um 11 Uhr. Wenn ein Pferd in einer der letzten Gruppen mitgeht (z.B. Ehrengardepferde – eine große Gruppe mit vielen Pferden), kann es bis 14 Uhr dauern, bis das Tier endlich losgeht – es ist dann oft schon 10 Stunden auf den Beinen. Nochmal 5-6 Stunden verbringt das Pferd dann im Zug und wird danach wieder verladen und nach Hause in den Verleihstall gebracht – d.h. einige Tiere sind 16-18 Stunden nonstop unterwegs, müssen oft am nächsten Tag noch in einem Veedelszug mitgehen.

Kein Wunder, dass viele Tiere auf den enormen Stress und die Belastung mit Koliken reagieren und extrem an Gewicht verlieren in der Karnevalszeit. Ein Kutschpferd verliert- nach Angabe des eigenen Besitzers- bis zu 100 Kilo während der Karnevalstage.

Unsere Forderung, die Pferde komplett aus dem Zug zu nehmen, werden wir gerade aufgrund des Unfalls mit den Kutschpferden während des Rosenmontagszugs weiterverfolgen. Wir haben 2017 einen neuen Bürgerantrag gestellt, in dem wir die fehlende Sicherheit während des Zuges monieren. Der erste Anhörungstermin am 10.04.2018 wurde abgesagt – angeblich, weil die Ermittlungsergebnisse zum Unfall noch nicht vorliegen. Vielleicht aber auch, um etwas Gras über die Sache wachsen zu lassen, damit das öffentliche Interesse zurückgeht- ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Am 23.03.2018 haben wir  vom Netzwerk für Tiere Köln zu einer Podiumsdiskussion zu dem Thema „Pferde im Rosenmontagszug- noch zeitgemäß? „ eingeladen. Leider ist keiner der Karnevalsgesellschaften der Einladung gefolgt, sich der Diskussion zu stellen – dennoch hatten wir auf der Bühne zwei Pferdeexperten ( Nico Welp, die einen Pferdeschutzhof betreibt und Stefanie Moreau, die sich mit dem Verhalten und der Psyche der Pferde auskennt), Melanie Wziontek, selber Pferdebesitzerin und Tierheilpraktikerin und Uli Höschler, einen bekannter Pferdetrainer und Claus Kronaus, der den Tierschutz vertrat in Namen des Netzwerks für Tiere Köln. Simone Sombecki( bekannt aus der WDR Sendereihe „Tiere suchen ein Zuhause“ ) moderierte durch den Abend. Einspielvideos u.a. von – aus dem Fernsehen bekannten zertifizierten Pferdekommunikationstrainerin Sandra Schneider und von Mark Benecke rundeten das Programm ab. Am Ende ergab sich doch eine offene Diskussion, als einige im Publikum sitzende Mitglieder der Reiterstaffeln sich zu Wort meldeten. Es ging fair und konstruktiv zu, wenn auch keine der beiden Lager die bestehende Meinung revidieren wollte- womit auch nicht zu rechnen war. Aber es war ein Schritt zum ersten Austausch und auch, wenn wir Tierschützer immer noch auf mehr als das eine Argument“ Tradition“ warten, bleiben wir im Gespräch mit den Karnevalsgesellschaften.

Auf jeden Fall konnten wir deutlich machen, dass man den Fluchtinstinkt eines Pferdes niemals – auch nicht bei bestem Training- zu 100% ausschalten kann und sich dadurch immer ein vermeidbares, unkalkulierbares Risiko ergibt. Jeder, der für einen Erhalt der überholten Tradition „Pferd im Karnevalsumzug“ stimmt, trägt für mögliche Unfälle – die auch schlimmer ausgehen können als der in 2018, die Verantwortung.

Hier findet Ihr die beiden Filme aus 2017 und 2018, die wir erstellt haben- ( ab 07:52 Min beginnt der Teil für 2018)

 

(hier geht es zur Unterschriftenliste)